Mehrgrund Geschichten – Zur taumelnden Krabbe
Die Sonne hing schon tief über dem Hafen und tauchte das Wasser in dieses ruhige, goldene Flackern, das alles ein bisschen fertiger aussehen ließ, als es eigentlich war.
Ace setzte den letzten Block für den Tag und trat einen Schritt zurück.
Grinsend: „Wenn das so weitergeht, haben wir bald nichts mehr zu bauen.“
Thombard lachte leise und dachte an all die Pläne, die da waren,
da sind und noch kommen würden.
Ein paar Möwen kreisten über den unfertigen Dächern.
Irgendwo klapperte ein loser Zaun im Wind.
Ace wischte sich die Hände ab. „Was fehlt noch?“
Thombard ließ den Blick über die Gebäude entlangwandern. Lagerhaus. Schmiede. Das neue Haus direkt am Wasser—
Er runzelte die Stirn.
„…seit wann ist dort Licht drin?“
Ace drehte sich um.
Der Geruch kam zuerst.
Nicht unangenehm.
Nicht gut.
Irgendwo dazwischen.
„…das ist neu“, murmelte Thombard.
Ace blieb stehen und sah auf das Gebäude vor ihnen.
Über der Tür hing jetzt ein Schild:
„Zur taumelnden Krabbe“
„Wir haben jetzt also eine Taverne“, sagte Ace.
„…und einen Wirt“, ergänzte Thombard.
Ein lautes Poltern von innen.
Dann eine Stimme:
„NICHT SO VIEL SALZ! DAS ERSCHLÄGT DEN GESCHMACK!“
Kurze Pause.
„WELCHEN GESCHMACK?!“
Ace öffnete die Tür.
Drinnen war es… belebt.
Nicht voll bis auf den letzten Platz.
Aber genug, dass es lebendig wirkte – Seeleute, die sonst lieber an Deck ausharrten, zog es heute in die Taverne.
Ein Mann stand hinter dem Tresen, breit gebaut, leicht gerötet im Gesicht, mit einer Schürze, die schon bessere Tage gesehen hatte.
„Willkommen!“, rief er. „Brackwasser Björn – Wirt, Brauer und einziger Mann hier mit funktionierendem Geschmackssinn!“
Björn stellte zwei Krüge auf den Tresen.
Die Flüssigkeit darin hatte eine Farbe, die man nicht sofort einordnen konnte.
„Cerveza“, sagte er stolz.
Ace sah in den Krug. Dann zu Thombard.
„Wenn ich das trinke, baust du morgen allein weiter.“
„Wenn du das nicht trinkst…“ – Thombard warf einen Blick auf diesen Berg von Björn – „…dann auch.“ nahm einen großen Schluck.
Sein Gesicht blieb… stehen.
„…interessant“, sagte er schließlich, nach ein paar Sekunden.
„SIEHST DU!“, rief Björn triumphierend.
„Nachtisch!“, rief eine andere Stimme.
Ein junger Mann kam aus der Küche und stellte Teller auf den Nachbartisch "Kakaowolke".
Es sah… gut aus.
Viel besser, als das Bier aussah, roch oder schmeckte.
Ace hob eine Augenbraue.
„Das passt nicht zusammen.“
Björn winkte ab.
„Meine Rede! Ich rette, was zu retten ist. Er denkt, er kann kochen. Dabei geb ich jedem ein Gratisbier, damit sie es runterspülen können!“
Der junge Mann kam zurück.
Stellte ihnen je zwei Teller hin.
„Brühe der versunkenen Schatten. Salat des Küstenwinds.“
Kurz blickte er sie an "Ich bin Sid"
Dann deutete er unauffällig mit dem Fuß auf ein Gitter im Boden.
Ace folgte der Bewegung.
Sid sagte nichts.
Und verschwand wieder in der Küche.
Thombard hob langsam den Krug und nahm – unter Björns prüfendem Blick – noch einen Schluck.
Ace nutzte den Moment.
Beiläufig.
Fast unauffällig.
Er kippte das Bier durch das Gitter.
Ein leises Plätschern.
„Die Blumen draußen wachsen heute wieder doppelt so schnell“, sagte Sid im Vorbeigehen.
Ace sah ihm nach.
Björn stellte sich breitbeinig vor ihren Tisch.
„Und? Perfekt, oder?“
Ace nahm schnell einen Bissen. Sah zu Björn.
„Es war…“
Kurze Pause.
Das Essen brachte ein Funkeln in seine Augen.
„…unglaublich.“
„Die Vorspeise ist auch gut“, sagte Thombard vorsichtig.
Björn strahlte.
„Natürlich! Solange man Cerveza hat, geht auch der Fraß runter!“
Thombard verschluckte sich fast.
Björn nahm das als Einladung, den Krug wieder zu füllen, und klopfte ihm väterlich auf die Schulter.
Später am Abend, nach dem gegrilltes Steak vom braunen Hochlandrind serviert wurde, war die Taverne lauter geworden.
Gelächter. Gespräche. Klirrende Krüge. Draußen war es schon dunkel.
Ace und Thombard hatten neue Bekanntschaften geschlossen und handelten mit Rattus___Rattus, dem Meister der Stämme, einem fahrenden und erfahrenen Holzhändler.
„Ist das dunkle Eiche?, fragte Thombard neugierig. "Und das da?"
"Mangrove“ - Als Ace das Holz sah, hielt er mitten im Gespräch inne.
„Alle Sorten“, sagte Rattus ruhig. „Ich liefere, was wächst. Und manches, was längst nicht mehr wächst.“
Ace war schon aufgesprungen, bevor Thombard antworten konnte.
Draußen begann es zu hämmern.
Eine Stunde lang. Seiner Idee folgend. Eins mit dem Holz.
Als er zurücktrat, hatte die „Taumelnde Krabbe“ ein Gesicht bekommen:
Über der Tür eine geschnitzte Krabbe, die aussah, taumelnd als würde sie jeden Moment auf Sie fallen.
Thombard trat neben ihn.
„Genial“
Drinnen wurde gejubelt.
Björn hob einen Krug.
„AUF MEHRGRUND!“
Ace holte den guten Rum, es wurde gefeiert!
Der Lärm in der „Taumelnden Krabbe“ legte sich langsam, wie Wellen, die sich nach einem Sturm zurückziehen.
Stühle kratzten über den Boden, Stimmen wurden leiser, Türen öffneten und schlossen sich, bis nur noch das Knacken des Holzes blieb.
Draußen war Mehrgrund noch nicht fertig.
Ace trat vor die Tür.
„Sieht immer noch aus wie ein Versprechen“, murmelte er.
Thombard stellte sich neben ihn, die Hände in den Taschen.
„Ist es auch.“
Hinter ihnen polterte Björn ein letztes Mal durch den Raum.
„WER HAT DIE FENSTER OFFEN GELASSEN?! DAS BIER WIRD SCHAL!“
Ace schnaubte leise.
„Sie passen irgendwie hier rein.“
Thombard nickte.
Für einen Moment standen sie einfach da.
Die warme Luft aus der Taverne hinter ihnen, der kühle Hafen vor ihnen.
Ein Ort, der noch nicht fertig war.
Und trotzdem schon funktionierte.
Mehrgrund schlief aber nicht.
Es machte nur eine Pause.
Ace drehte sich halb um.
„Morgen bauen wir weiter.“
Thombard antwortete nicht sofort.
„Morgen fangen wir wieder irgendwo an.“
Ein kurzer Blick zur Krabbe.
Drinnen klirrte noch ein letzter Krug.
Und dann wurde es still.
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